Ängste beim Reiten

Unser Angstsystem ist 60.000 Jahre alt

Angst zu haben ist erstmal etwas ganz normales und sollte einst vor sehr langer Zeit unser Überleben sichern. Immerhin hatten unsere Vorfahren in der Steinzeit ein sehr gefährliches Leben. Unser Angstsystem kommt noch aus einer Zeit, als die Menschen es mit Säbelzahntigern zu tun hatten und um ihr Überleben kämpfen mussten.

Damals war es sehr wichtig, eine einst als bedrohlich erlebte Situation gut abzuspeichern und schnell wieder aufrufen zu können, sich also blitzschnell daran zu erinnern, um künftig sekundenschnell reflexartig reagieren zu können. Denn so wurde das eigene Überleben gesichert.

Rascheln im Gebüsch konnte das Anschleichen eines Raubtieres bedeuten, was im Menschen eine Angstwelle auslöste, und woraufhin er reflexhaftem Verhalten (Flucht, Erstarrung oder Angriff) reagiert hat.

 

Da sich unser Angstsystem bis heute nicht verändert hat, sind wir in stressigen Situationen oft nicht mehr richtig handlungsfähig, erleben vermeintlich grundlos Angst und reagieren dann mit uralten Reflexen, die uns als Reiter erstarren und handlungsunfähig werden lassen. 

Angst ist auch heute noch, in unserer modernen Welt, durchaus manchmal sinnvoll und kann unser Leben schützen.

Wenn die Angst jedoch übermächtig wird und Dich daran hindert, etwas ganz Bestimmtes zu tun, dann solltest Du etwas dagegen unternehmen und Dir von einem Profi (und das muss nicht unbedingt ich sein) helfen lassen.

Warum hab ich überhaupt Angst beim Reiten?

Angst beim Reiten setzt sich zusammen aus der Multiplikation von "Auftretenswahrscheinlichkeit" x "Katastrophenfaktor".

Das bedeutet, auch wenn Dir klar ist, dass die tatsächliche Wahrscheinlichkeit des Eintretens Deiner schlimmsten Befürchtung sehr gering ist, aber der Katastrophenfaktor im Falle es Eintretens sehr hoch wäre, wird Dir spätestens auf dem Pferd regelmäßig mulmig sein und Du wirst die Auftretenswahrscheinlichkeit UND den Katastrophenfaktor für groß und realistisch halten.

 

Du meinst also zum Beispiel, dass sich Dein Pferd erstens erschrecken und durchgehen wird, und zweitens Du das nicht oder nur schwerverletzt überleben würdest und wahrscheinlich noch ein Riesen-Unfall produziert würde, weil Dein Pferd in Deiner Phantasie womöglich auf eine vielbefahrene Hauptstraße rennt.

 

An beiden Hebeln kann man ansetzen, um Abhilfe zu schaffen. Mehr dazu erfährst Du hier:

Traumatische Erfahrungen mit Pferden

Selbst erlebte Unfälle oder Stürze

Sicher hast Du schon mal gehört, dass durch eine schlimme Erfahrung ein Trauma entstehen kann.

Wenn man - manchmal erst Jahre später - das Gefühl hat, in eine ähnliche Situation zu kommen, kann es sein, dass man nicht mehr so unbefangen reagieren kann wie vor dem schlimmen Erlebnis, und regelrecht blockiert ist.

Hier ist nicht der Ausgang des Unglücks bedeutsam, sondern die Intensität der erlebten Bedrohlichkeit, ein Gefühl von Ausgeliefertsein und Kontrollverlust.  Über die Entwicklung eines Traumas entscheidet also hauptsächlich, als wie bedrohlich der Sturz oder der Unfall erlebt wurde.

Je machtloser man sich gefühlt hat, je größer der Schrecken war, desto intensiver wird die Auswirkung sein.

 

Es ist möglich vom Pferd zu fallen und sich den Arm zu brechen, ohne ein Trauma zu entwickeln, weil kein bedrohliches Gefühl beteiligt war. Während es sehr wohl ein Trauma auslösen kann, wenn das Pferd durchgeht und man sich auf dem rasenden Pferd machtlos und ausgeliefert fühlt.

Auswirkung auf die Reiterin oder den Reiter

Im Sattel wirkt sich das dann so aus, dass man plötzlich das Gefühl oder eine Art Vorahnung bekommt, dass man sich gleich in akuter Lebensgefahr befinden wird. Oft sieht man auch noch vor dem geistigen Auge einen "inneren Katastrophenfilm", wie das eigene Pferd kopflos durchgeht und man selbst stürzen oder einen schlimmen Unfall erleiden wird.

 

Es ist möglich, dass man eine solche mentale Blockade direkt nach dem Sturz entwickelt, und es kann sein, dass die Ängste sich im Laufe der Zeit immer mehr aufbauen, so dass man sie vielleicht gar nicht mehr mit dem einst erlebten Sturz in Verbindung bringt.

 

Erlebte Stürze oder Unfälle sind der Auslöser Nr. 1 für Ängste im Sattel.

Unfälle von Anderen

Es mag sich komisch anhören, aber auch wenn man "nur" miterleben musste, wie jemand anders zu Schaden gekommen oder verunglückt ist, kann man in einen so ängstlichen Zustand versetzt werden, als hätte man das Unglück selbst erlebt.

 

Immer wieder arbeite ich mit Reitern, bei denen die eigenen Stürze eine untergeordnete Rolle spielen, die aber stark beeinflusst waren von Unfällen einer Reiterfreundin oder eines Stallkollegen, den sie entweder miterleben mussten, oder von dem sie erzählt bekamen.

 

Auch Filme oder Zeitungsberichte von Unfällen mit dem Pferd können starke Ängste auslösen, die einen so nachhaltig beeinflussen und auf dem Pferd ausbremsen, als hätte man den Unfall selbst erlitten.

 

Denk nur an den Film "Der weiße Hai", woraufhin viele Menschen derart Angst bekamen, dass sie nicht mehr im Meer schwimmen wollten oder konnten...

Kindheitsprägungen

Wer eine sehr vorsichtige oder ängstliche Mutter hatte, wird möglicherweise mehr Radare für drohende gefährliche Situationen entwickelt haben und sich schneller verunsichert fühlen oder mit Angst reagieren.

 

Kindheitsprägungen durch ängstliche Bezugspersonen können später beim Erwachsenen zu einer allgemeinen ängstlichen Grundstimmung führen, die sich dann auch den Spass beim Reiten einfärben kann, ohne dass man eine Idee hat, woher die Befürchtungen eigentlich kommen könnten.


Ängste im Sattel können also völlig verschiedene Ursachen haben oder sich aus verschiedenen Auslösern zusammensetzen.

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