Das jederzeit ansprechbare Pferd - für mehr Sicherheit

Wenn wir von Sicherheit im Sattel sprechen dürfen wir nicht vergessen, dass die Ängste, die in unserem Inneren entstehen, nicht ganz alleine dafür verantwortlich sind, wie wohl wir uns auf unserem Pferd fühlen.

Denn dazu gehört ebenfalls, wie gut unsere Reittechnik ist, wie gesund und beweglich unser Pferd ist und wie gut wir unser Pferd kontrollieren können, und zwar in jeder Situation.

 

Wahrscheinlich hast Du manchmal das Gefühl, Dein Pferd hört Dir nicht richtig zu? Das dürfte besonders in Situationen, wo etwas von aussen stört, der Fall sein. Zum Beispiel, wenn Du auf einem Feldweg reitest, und ein Jogger kommt Euch entgegen gelaufen, oder wenn Du auf dem Reitplatz arbeitest, und auf der angrenzenden Straße holt die Müllabfuhr den Sperrmüll vom Nachbarn ab.

Dann wird es Dir vermutlich schwer fallen, von Deinem Pferd ein Ohr zu bekommen, dass Dir zuhört.

Und das meine ich nun tatsächlich so, denn die Ohren des Pferdes sind seine "Antennen". Sie zeigen immer zuverlässig an, wo es sich gerade mit seiner Aufmerksamkeit befindet.

Hol Dir die Kontrolle zurück

In den vielen Jahren meiner Arbeit als Coach für Reiterinnen mit Ängsten habe ich gelernt, dass es nicht ganz genügt, lediglich  Ängste zu lösen, das Kopfkino zu stoppen und reflexaft richtige Reaktionen aufzubauen . Klar, das sind elementar wichtige Bausteine. Ohne sie wäre ein entspanntes und sicheres Reiten nicht möglich.

Jedoch braucht es noch eine Komponente.

Und das ist ein jederzeit ansprechbares Pferd, auf das Du Dich verlassen kannst!

Zuhören - das Ergebnis von Respekt und Bindung

Die Aufmerksamkeit kannst Du Dir erarbeiten, indem Du für Dein Pferd immer klar und berechenbar bist und unverzüglich durchsetzt, was Du von ihm möchtest. Gleichzeitig sollte sich Dein Pferd im Kontakt mir Dir immer wohl und sicher fühlen.

 

Wenn Dein Pferd die Wahl hätte, würde es sich einer ranghohen Stute anschließen, weil sie souverän ist und Deinem Pferd Sicherheit vermittelt, und zwar in jeder Situation. Sie würde Deinem Pferd immer unmissverständlich und unverzügllich mitteilen, was sie von ihm will und wann es Grenzen überschritten hat. Kurz und eindeutig. Und danach würde sie wieder zu dem übergehen, was sie vor der Unstimmigkeit getan hat, die Sache wäre gleich wieder vergessen und es würde die selbe friedliche Stimmung herrschen, wie vorher.

Natürlich ist auch die soziale Fellpflege wichtig. Diese bestärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Freundschaft und stärkt die Bindung.

Das ist im Kern, wie auch Du Dich gegenüber Deinem Pferd verhalten solltest. Wenn es so einfach wäre...

Die Sache mit den Gefühlen

Im Gegensatz zu den Pferden spielen bei uns Menschen Emotionen und Gedanken eine große Rolle. An unserer Beziehung zu unserem Pferd hängen Hoffnungen, Träume und Erwartungen. Für einige von uns soll unser Pferd ein Ausgleich sein für ein arbeitsreiches Leben, eine fehlende Beziehung, ein kinderloses Leben. Oder wir möchten bei unserem Pferd einfach nur unsere Seele baumeln lassen, dem Alltag entfliehen, nicht so viel Reibung mit ihm haben, Energie tanken und unsere Akkus aufladen.

Auf jeden Fall soll es unser Freund sein. Geht es Dir auch so?

 

Gefühle können unsere Leitstutenfähigkeit ganz schön sabotieren. Wenn wir uns hilflos fühlen, werden wir zornig und manchmal sogar unfair. Das versteht ein Pferd nicht. Ein Pferd lebt immer im Hier und Jetzt und ist weder nachtragend noch ungeduldig oder unfair. Durch zu viele Emotionen wird verunsichert, interpretiert sie als Schwäche und verliert nach und nach das Vertrauen in seinen Menschen.

 

Andererseits lieben wir unsere Pferde, sie gehören zu unserer Familie, wir möchten nicht ungerecht sein, wollen unser Pferd liebevoll mit positiver Verstärkung erziehen und ausbilden. Wir möchen lieber partnerschaftlich mit unserem Pferd umgehen, als dominant und sind manchmal zu nachlässig. Auch das wird unser Pferd als Schwäche auslegen und nach und nach das Vertrauen in unsere Qualität als Leitstute verlieren. Und damit auch den Respekt.

Diese Emotionen kenne ich übrigens alle von mir selbst. Früher war ich da auch ich keine Ausnahme. Es hat lange gedauert bis ich Wege gefunden hatte, meine Emotionen in Balance zu bringen.

 

Weil ich das so gut verstehen kann, habe ich nun 3 Übungen für Dich, mit denen Du Dir auch als Gefühlsmensch den Respekt Deines Pferdes durch Konsequenz erarbeiten und die Bindung durch positive gemeinsame (Erfolgs-)erlebnisse stärken kannst:

Mehr Bindung und Respekt

1. Aufmerksamkeits-Übung am Boden

Ziel dieser Übung ist es, dass sich Dein Pferd Dir bereits durch leise Ansprache zuwendet und auf Dich achtet. Später soll es das auch tun, wenn es durch Außenreize abgelenkt ist.

Mit dieser Übung kannst Du auch die Bindung zu Deinem Pferd stärken, weil es ganz nebenbei eine gute Erfahrung macht, wenn es sich Dir zuwendet und mental bei Dir ist.

 

Die Übung:

  1. Stelle Dich in einer ruhigen, vertrauten Umgebung und in entspannter Atmosphäre neben Dein Pferd und sage leise 1x seinen Namen.
  2. Möglichkeit 1: Es reagiert und sieht Dich an. Prima! Für den Anfang wäre es auch ausreichend, wenn es Dir ein Ohr zuwendet. Dann lobe es ganz doll, indem Du es an seiner Lieblingsstelle kraulst. Es sollte Dir durch eine vorgestreckte Oberlippe oder durch Halsstrecken zeigen, dass es die Berührung genießt.
  3. Möglichkeit 2: Es reagiert nicht. Dann sage seinen Namen noch 1x lauter. Es reagiert? Prima, lobe es ganz dol wie oben beschrieben.
  4. Es reagiert noch immer nicht? Nun tust Du etwas, damit Dein Pferd reagieren MUSS. Du sagst etwas lauter "Hey!" und tippst es am Hals oder an der Schulter deutlich an. Je nach Pferdetyp sollte die Berührung so ausfallen, dass Dein Pferd auf jeden Fall reagiert, aber keine Angst bekommt. Dann lobst Du es genau so, als hätte es direkt beim ersten Mal reagiert.  Du kannst auch mit Leckerlies arbeiten. Jedoch bin ich fürs Kraulen, weil es die soziale Fellpflege nachamt, die befreundete Pferde miteinander pflegen.
  5. Mache pro Übungssequenz nicht zu viele Wiederholungen, um die Aufmerksamkeit Deines Pferdes frisch zu halten und um es und Dich nicht zu überfordern. Lieber ein paar Mal über den Tag verteilt je 3-4  Wiedeholungen. Mache das in den nächsten Tagen so lange, bis Dein Pferd zuverlässig auch auf die erste leise Ansprache reagiert.
  6. Wenn das klappt, kannst Du langsam (!) die Reize in Deiner Umgebung steigern und Dich dabei an die Schritte halten, die ich oben beschrieben habe.
  7. Du hast Dein Ziel erreicht und kannst das Training beenden, wenn Dein Pferd auch unter großer Ablenkung von Dir ansprechbar bleibt und auf Dich hört.

Es ist elementar wichtig, dass Du beim Üben ruhig und souverän bleibst, nicht zornig oder ungeduldig wirst, aber darauf bestehst, dass Dein Pferd spätestens bei der 3. Ansprache auf Dich reagiert. Wenn Dich selbst die Umweltreize stressen, suche Dir kleinere Reize aus. Mach keine zu großen Schritte und freu Dich auch über die kleinen Erfolge,

2. Aufmerksamkeits-Übung im Sattel

Ziel dieser Übung ist es, dass Dein Pferd zuverlässig ansprechbar bleibt und auf Dich achtet, während Du reitest.

Damit meine ich, es soll auf Dich achten, auch wenn ein Reiz von außen es normalerweise ablenken/verunsichern würde und Du es wieder auf Dich konzentrieren möchtest, um es ruhig an dem Reiz vorbeizureiten.

 

Hier kannst Du durchaus auch mit Leckerlis arbeiten. Mein Tipp: Es gibt kleine Belohnungstäschchen fürs Hundetraining aus Silikon, in das Du gesunde Möhren- oder Apfelstückchen geben und es an den Sattel oder einen Gürtel klemmen kannst.

 

Die Übung:

Im Grunde gehst Du so vor, wie bei der Übung vom Boden. Hier genügt es natürlich, wenn Du ein Ohr von Deinem Pferd bekommst.

 

Fang in vertrauter Umgebung ohne Aussenreiz an. Wenn es klappt, arbeite Dich langsam an stärkere Reize ran. Das kann ein vorbeilaufendes Pferd sein, ein klappernder Futtereimer, Radfahrer in (noch) sicherer Entfernung, Helfer können Schirme aufspannen, Bälle werfen... Deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

 

Auch bei dieser Übung hast Du Dein Ziel erreicht und kannst das Training beenden, wenn Dein Pferd auch unter großer Ablenkung von Dir ansprechbar bleibt und auf Dich hört. Und wie in der ersten Übung ist es elementar wichtig, dass Du beim Üben nicht angespannt oder gestresst bist, sondern Deinem Pferd Ruhe und Klarheit vermittelst.

3. Konzentration im Sattel für mehr Sicherheit

Ziel dieser Übung ist es, dass sich Dein Pferd daran gewohnt, mental bei Dir zu sein und sich von Dir leiten zu lassen. Mit dieser Übung trainierst Du Deine Präsenz und erhöhst die Konzentration Deines Pferdes auf Dich.

 

Oft fällt es uns nicht leicht, uns auf unser Trainingsprogramm zu konzentrieren. Wir sind gedanklich noch am Arbeitsplatz, gehen unseren Einkaufszettel, den Wochen-Kochplan oder die To-Do-Liste für morgen durch, anstatt uns wirklich aufs Pferd oder aufs Reiten zu konzentrieren und ganz bei unserem Pferd zu sein. Oder wir lassen uns von angstmachenden Gedanken ablenken, die uns nicht guttun und die aufs Pferd ausstrahlen.

Natürlich wirkt sich das alles auf unser Pferd aus, denn es fühlt sich von uns alleine gelassen. Einer ranghohen Leitstute würde das nicht passieren. Sie ist immer mental anwesend und präsent. Und so kann es passieren, dass Dich Dein Pferd entweder als inkompetent oder unzuverlässig wahrnimmt, was in weiterer Folge bewirken kann, dass es in einer unsicheren Situation selbst entscheiden wird, was zu tun ist.

 

Die Übung:

Mache Tempiwechsel im Schritt. Reite z. B. 5 Schritte im versammelten Schritt, dann 4 im starken Schritt, 5 im Mittelschritt, Dann parierst Du durch zum Halten. Nun kannst Du 3 Schritte Rückwärtsrichten. Halten. Anreiten im Mittelschritt 3 Schritte, usw..  Diese Übung kannst Du wunderbar immer wieder für ein paar Minuten in allen Gangarten, Wendungen, Seitengängen oder auch in Volten oder auf dem Zirkel in Dein tägliches Training einbauen.

Selbstverständlich kannst Du diese Übung auf alle Gangarten ausweiten.

Dein Pferd wird lernen, Dir besser zuzuhören, was Dir wiederum ein sichereres Gefühl und mehr Kontrolle geben wird.

 

Wie bei den Anderen Übungen solltest Du auch hier nicht angespannt oder gestresst sein, sondern Deinem Pferd Ruhe, Klarheit und Sicherheit vermitteln.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Üben und ganz viel Erfolg!

 

Du möchtest auch Deine Ängste ablegen und eine souveräne Reiterin werden? Hier gehts zu den Angeboten:

Wenn Du lernen möchtest, neu zu fühlen, zu denken und Dich anders zu verhalten, dann lass uns reden und schauen, was Du brauchst und wie ich Dir am besten helfen kann:

Danke fürs Weitersagen.